Die Welt muss sich schnell wie noch nie verändern. Deshalb muss die kreative Jugend an die Macht. Die Älteren können sie nur noch im Hintergrund unterstützen.
Diese These hinterfragt schon lange niemand mehr und sie bringt Twens in Spitzenpositionen, während sie Erfahrung zum Makel macht. Aber stimmt sie wirklich? War zum Beispiel Enzo Ferrari, der erst mit knapp 50 seinen ersten Sportwagen konstruierte und danach vierzig Jahre lang den Autorennsport prägte, eine Ausnahme? Und was ist mit Elon Musk? Der wurde ja heuer auch schon fünfzig. War‘s das bald für ihn mit guten Ideen?
Zwei Hochphasen der Kreativität
Antworten auf diese aktuelle Frage gibt eine Studie, deren Verfasser Bruce A. Weinberg und David W. Galenson von der Universität Chicago sich die Lebensgeschichten von 31 Nobelpreisträgern angesehen haben. Fazit: Kreativität und Genialität sind keineswegs der Jugend vorbehalten. Vielmehr gibt es zwei kreative Hochphasen in unserem Leben.
Unsere Zwanziger sind eine davon. Albert Einstein war 26, als er die Relativitätstheorie entwickelte, ebenso alt war Pablo Picasso, als er das zu Weltruhm gelangte Bild Les Demoiselles d’Avignon malte. Vor allem Mitte bis Ende Zwanzig sind wir zu bahnbrechenden Ideen in der Lage, wenn wir alles Bestehende hinterfragen.
Unsere zweite kreative Hochphase beginnt ab Mitte fünfzig, allerdings nährt sie sich nicht mehr aus dem Sturm und Drang, sondern aus Erfahrung. In dieser Phase kreieren wir neue Zusammenhänge. Das Prinzip „Versuch und Irrtum“ spielt dabei eine Rolle. „Viele Menschen glauben, dass Kreativität ausschließlich mit Jugend verbunden ist“, sagt Studien-Co-Autor Weinberg. „Es hängt aber davon ab, von welcher Art von Kreativität wir sprechen.“
Pablo Picasso versus Virginia Woolf
Kritik an seiner Arbeit, der zufolge die Kreativitätsphasen von Wirtschaftswissenschaftlern nicht verallgemeinerbar sind, weist Weinberg zurück. Kreativ zu sein bedeute, Ideen zu haben und sie zu verwirklichen, was sich auf jeden Lebensbereich übertragen lasse. Zudem ergaben schon frühere Studien zum Thema, dass es diese zwei Arten von Kreativität gibt: Mit Bestehendem zu brechen wie Pablo Picasso, T. S. Eliot und Albert Einstein. Oder Erfahrungen zusammenfügen und daraus Neues zu schaffen wie etwa Paul Cézanne, Virginia Woolf und Charles Darwin. Die genannte Studie dokumentierte nur noch den hier bestehenden Alterszusammenhang.
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