Die englische Variante, Mindfulness, geht ja noch, aber „Achtsamkeit“, das ist eines dieser Worte, die ich nie leiden konnte. Es hatte immer etwas von strickenden älteren Damen und betulichen Esoterikern, und dann kam auch noch diese inflationäre Verwendung auf: Überall stand es auf einmal, dieses Wort, auch als Achtsamkeitstraining, Achtsamkeitsübung oder, besonders schrecklich, Achtsamkeitskreis. „Achtsamkeit“ ist fast so schlimm wie „Nachhaltigkeit“.

Das kurze Fazit langer Texte

Andererseits sind Egoismus und Narzissmus Fallen, in die ich ungern gehe, also las ich nach. Achtsamkeit, sie verbessert wohl die eigenen Beziehungen zu allen und allem, fand ich heraus, und das bringt, ganz egoistisch gedacht, Vorteile. Im Privatleben wie im Berufsleben. Deshalb suchte ich in tausend Seiten quergelesener Achtsamkeitsliteratur nach etwas, das ich ohne großes Brimborium selbst anwenden könnte.

Am Ende hatte ich sie gefunden, meine eigene „Achtsamkeitsübung“. Ich weiß nicht mehr, ob ich sie irgendwo gelesen oder ob ich sie mir mit meinem neuen Wissen selbst ausgedacht habe, aber sie hat zwei große Vorteile: Sie dauert keine 30 Sekunden und sie hat tatsächlich das Zeug, das Berufs- und das Privatleben zu verändern.

Vor der Tür innehalten

Hier sind sie, die fünfzig Worte, die für mich aus der Lektüre übrig geblieben sind:

Bevor du einen Raum betrittst, in dem du mit Menschen zu tun haben wirst, bleib kurz stehen und rufe sie vor deinem inneren Auge auf. Wer sind sie? Was weißt du über ihre Lebensumstände? Wie verlief eure letzte Begegnung? Was haben sie dir erzählt? Wie fühlen sie sich vermutlich gerade?

Es ist zum Beispiel Montag und du arbeitest in einem Zimmer mit zwei älteren Kollegen. Der eine hat am Wochenende nach längerer Zeit wieder einmal eine Bergtour gemacht, die andere war bei der Hochzeit ihrer Tochter. Du kannst davon ausgehen, dass der eine Kollege etwas müde ist und die andere Kollegin noch beseelt von ihrem Familienereignis.

Das reicht dann schon. Du brauchst nicht darüber nachzudenken, was das nun genau bedeutet und wie du damit umgehen könntest. Sobald du das rekapituliert hast, betrittst du einfach den Raum.

Alles ist dann von selbst anders als sonst. Ich habe festgestellt, dass mein Lächeln automatisch etwas wärmer ist und dass der Tag insgesamt mit anderen „Schwingungen“ – auch eines dieser schrecklichen Worte – beginnt.

Begegnungen statt Termine

Vor beruflichen Terminen durchgeführt, zeigt die Übung ebenfalls Wirkung. Das Ziel rückt in den Hintergrund, das Menschliche in den Vordergrund, aus Terminen werden Begegnungen und es geht weniger darum, wer wie viel verdient, sondern was man gemeinsam erreichen kann. Was am Ende Kraft gibt statt Kraft kostet und zu besseren Ergebnissen und längerfristigen Geschäftsbeziehungen führt.

Als ich anfing, diese Übung in meinen Alltag zu integrieren, dachte ich irgendwann: Eigentlich ist das so einfach und selbstverständlich. Womöglich tun es ohnedies alle schon immer, und ich bin bloß der Letzte, der es entdeckt hat. (lomo)